Das Märchen vom Buchstabenbaum in der VS Kreindlgasse (Verena Chavanne)

Im Schulhof in der Kreindlgasse steht ein uralter Baum. Er ist so alt und seine Krone ist so groß, dass er bei Sonne dem ganzen Spielplatz Schatten spendet und bei Nieselregen den Schulkindern als Regenschirm dient. Und dieser Baum ist kein gewöhnlicher Baum. In 140 Jahren Schulzeit ist der alte Ginkgobaum irgendwann einmal ein Buchstabenbaum geworden.

Auf dem Baum in unserer Schule leben nämlich Buchstaben. Sie leben glücklich zusammen und hüpfen dort von Blatt zu Blatt bis in die höchsten Zweige. Jeder Buchstabe hat sein Lieblingsblatt. Auf dem sitzt er in der Sonne und lässt sich sanft im Wind schaukeln.

Aber eines Tages geschah etwas Furchtbares. Der sanfte Wind wurde zum Windstoß und der Windstoß zum brausenden Sturm. Die Buchstaben klammerten sich mit aller Kraft an die Blätter. Aber einige wurden einfach weggeblasen und die anderen bekamen große Angst. Als der Sturm vorüber war, krochen sie ängstlich in die untersten Zweige und rückten dicht zusammen.

Da kam eine Frau Lehrerin und sah, wie sich die Buchstaben dicht zusammengedrängt versteckten. "Wir verstecken uns vor dem Wind", sagten die Buchstaben, "Aber wer bist denn du?"

"Ich bin eine Frau Lehrerin aus der VS Kreindlgasse und ich kann euch beibringen, wie man Wörter macht. Wenn ihr euch zusammentut - zu dritt, zu viert oder noch mehr-, wird kein Wind stark genug sein, euch wegzublasen."

Ganz geduldig brachte sie den Buchstaben bei, wie man sich zusammenschließt, um Wörter zu bilden. Sie war sehr geübt und geduldig, weil sie das jeden Tag in der Schule machte. Einige bildeten kurze und einfache Wörter wie "Oma" oder "Opa", andere machten schwierige wie "Sessel" oder sogar "Luftballon".

Ganz glücklich kletterten sie in die höchsten Zweige zurück. Und als der Wind kam, hielten sie sich fest und hatten keine Angst mehr. Es war so, wie es die Frau Lehrerin gesagt hatte.

Doch dann an einem anderen Morgen kam eine andere Frau, eine Frau Direktor, und die sagte:" Was ist denn das für ein Wörterdurcheinander? Das ergibt ja gar keinen Sinn! Oma, Opa, Sessel, Luftballon. Warum tut ihr euch nicht zusammen und bildet Sätze? Dann seid ihr etwas von Bedeutung." 

Daran hatten die Buchstaben noch nie gedacht. Jetzt konnten sie etwas Geschriebenes werden, etwas Wichtiges, das die Kinder lesen, wenn sie in die Schule gehen. Sie bildeten gleich Sätze wie:" Oma sitzt auf dem Sessel." und "Opa hat einen Luftballon."

"Halt, halt!", rief die Frau Direktor. "Warum denn?", fragten die Buchstaben überrascht. "Weil ihr etwas Wichtiges sagen sollt, damit die Kinder, Lehrer und Eltern, die hier in die Schule gehen, etwas Wichtiges lernen. 

Die Buchstaben versuchten an etwas Wichtiges, etwas sehr Wichtiges zu denken und schließlich wussten sie, was sie wollten. "Was könnte es Wichtigeres in einer Gemeinschaft geben als das Zusammenhalten?"

... Und dann bildeten sie einen Satz: "In der Volksschule Kreindlgasse halten alle zusammen!"

"Das ist ein toller Satz!" , rief die Direktorin voll Begeisterung. "Ich weiß noch einen!", stieß ein kleines M aufgeregt hervor und hüpfte ungeduldig von einem M-Beinchen auf das andere. Natürlich wollte es den wichtigen Satz anführen und deshalb summte es lange ein M, bevor der Satz endlich zu hören war:

"MMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMiteinander geht alles viel leichter!"

"Juchuuuuuuuuuuuuuuuuuu!", jubelten die anderen und schon bildeten sie eine Buchstabenreihe, die  genau diesen Satz ergab!"

Das W aber ärgerte sich auf seinem Blatt. Es wollte auch ganz wichtig sein, und in diesem Satz gab es nicht einmal einen Platz für das W. Ganz verzweifelt dachte es über einen Satz mit W nach.  "WWWWWWWWWWir  ziehen alle an einem Strang!"

Da gab es einen donnernden Applaus für das W und alle Buchstaben klatschten vor Freude in die Hände. Die Frau Direktor aber, nahm das W von seinem Blatt und setzte ein i und dann ein r dazu. Dann las sie laut vor: "Wir. - Das ist ein ganz wichtiges Wort in der Schule", sagte sie bestimmt, " denn gemeinsam ist alles viel leichter."

Und du? Hast du auch schon bemerkt, dass wir hier an der Schule alles gemeinsam machen? Wenn einer sich beim Rechnen schwer tut, gleich kommt einer von der Klasse und hilft ihm dabei. Oder wenn jemand einen Buchstaben noch nicht kennt, dann helfen sicher andere Kinder oder eine von den Frau Lehrerinnen. Schau mal ganz genau zu und mach mit!